Systema ist eine russische Kampfkunst. Es ist kein Sport. Es gibt keine verbotenen Techniken, alles ist erlaubt, und es gibt weder Wettkämpfe noch ein Gürtelsystem wie beispielsweise bei Karate, Jiu-Jitsu, Judo oder Aikido.
Es gibt allgemeine Prinzipien, anhand derer der Systema-Praktizierende lernt, auf einen Angriff zu reagieren.
Der Kern von Systema lässt sich in den folgenden vier Begriffen zusammenfassen:
- Die Atmung ist wichtig für eine gute Sauerstoffversorgung, kann aber auch für einen Kiai bei einem Atemi eingesetzt werden. Gerade in Stresssituationen ist eine gute Atmung entscheidend, um entspannt zu bleiben.
- Bewegung ist die erste Form der Selbstverteidigung. Einen Tritt zu vermeiden ist besser, als ihn einzustecken. So mobil wie möglich zu sein, lautet das Credo. Wenn es möglich ist, rennt man so schnell wie möglich weg.
- Struktur ist die dritte Säule. Damit ist die Körperhaltung einer Person gemeint; die Verteidigung zielt darauf ab, sie zusammenbrechen zu lassen. Eine Hand am Kinn bringt jemanden viel schneller aus dem Gleichgewicht als eine Reihe von Tritten oder Schlägen. Auch ein gebrochener Finger kann einen Kampf sofort beenden.
- Entspannung ist die vierte Säule. Viele Techniken, die gegen dich angewendet werden, sind deutlich weniger effektiv, wenn du sie entspannt aufnimmst. Betrunkene Menschen tun dies aufgrund des Einflusses von Alkohol ganz automatisch; die Kunst besteht darin, dies auch im normalen Zustand zu können.
Prinzip von Systema
Die vierte Säule (Entspannung) bedeutet nicht, dass Systema ineffizient ist. Das Credo lautet daher: weich aufnehmen und hart austeilen. Viele Techniken aus Karate, Jiu-Jitsu, Judo und Aikido lassen sich im Systema einsetzen, solange sie auf die Systema-Art angewendet werden.
Niemand schreibt vor, wie eine Technik ausgeführt werden muss. Es liegt am Praktizierenden selbst, die beste Vorgehensweise zu finden.
Trainingseinheiten können ‘soft’ aussehen, weil vieles in Zeitlupe geübt wird, in der Praxis geschieht es jedoch mit voller Geschwindigkeit.
Abhängig von deinem Niveau kannst du die Geschwindigkeit langsam auf Full Speed steigern. Viele Techniken sind so effizient, dass sie ohnehin besser langsam ausgeführt werden können.
Es gibt keine verbotenen Techniken. Frauen können problemlos auf demselben Niveau wie Männer trainieren (auch wenn sie bei der körperlichen Kraft einen Nachteil haben), da der Schwerpunkt stärker auf Sensibilität und effektiven Techniken liegt.
Mentalität
Systema ist auch zu einem gewissen Teil eine mentale Übung: Gerade weil es keine Einschränkungen gibt, muss jeder für sich selbst herausfinden, wie weit er bei einer Verteidigung geht, und das ist eine Konfrontation mit sich selbst.
Auch die Tatsache, dass du verletzt werden kannst, erfordert Vorbereitung. Du musst berücksichtigen, dass du während eines Kampfes nie hundertprozentig fit bleibst; deine Techniken müssen darauf abgestimmt sein.
Bei einem Messerkampf geht es beispielsweise eher darum, dass dir unerwartet etwas in den Körper gestochen wird, als darum, dass jemand damit droht, dich zu stechen. Andere Situationen können sein, dass du sehr erschöpft bist oder von mehreren Personen bedroht wirst.
Zeitlupe
Verwirrend kann sein, dass man in Internetvideos fast ausschließlich Systema in Zeitlupe sieht und Menschen, die relativ leicht zu Boden fallen. Dafür gibt es einen sehr praktischen Grund: Bei voller Kraft ausgeführt ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass du die Trainingseinheit verletzt verlässt.
Kontrolliert kann jedoch hart auf den Körper des anderen geschlagen, gewürgt und gehebelt werden, um dich an den damit verbundenen Stress zu gewöhnen.
Auch freies Sparring ist ein wesentlicher Bestandteil von Systema, im Stand oder im Bodenkampf. Low Kicks, ein Knie zum Kopf, High Kicks – solange du sie kontrolliert ausführen kannst, ist alles in Ordnung.
Ins Gesicht oder auf die Ohren zu schlagen, in die Augenhöhlen zu drücken oder Finger zu verbiegen – nichts ist verboten. Freies Sparring ist daher nur möglich, wenn du in der Lage bist, den Körper des anderen und deinen eigenen vor schweren Verletzungen zu schützen.
Anfänger
Systema eignet sich für Anfänger und Fortgeschrittene, um effektive Selbstverteidigung zu lernen. Das wird natürlich von jeder Kampfkunst behauptet, aber Systema zeichnet sich dadurch aus, dass ein persönlicher Stil vermittelt wird.
Es wird mit allgemeinen Prinzipien gearbeitet, und es werden keine Techniken vorgegeben; diese entwickelt der Praktizierende selbst. Es wird also weder für Prüfungen noch für Kata trainiert. Anfänger fühlen sich zwischen Menschen, die schon deutlich länger mittrainieren, schnell wohl, da es keine klare Hierarchie gibt.
Was die Kondition betrifft: Wenn du für eine gute Grundkondition sorgst (auf welche Weise auch immer), baust du diese durch viele Bodenkämpfe und Ähnliches weiter aus.
Keine Arroganz
Auch die Haltung gegenüber dem Umfeld unterscheidet sich von der einiger anderer Kampfsportarten. Ein schwarzer Gürtel verleiht beispielsweise Status, und ein Praktizierender bekommt mit zunehmendem Fortschritt auch einen ‘Ego-Schub’.
Im Systema geht es vielmehr darum, dem Gegner den Eindruck zu vermitteln, dass du ihm unterlegen bist, und dann völlig unerwartet ein Ende zu machen. Unauffällig zu bleiben, lautet das Credo; lass den Angreifer in dem Glauben, dass er gewinnt.
Du stehst also nicht in einer Karate-Haltung bereit, sondern eher so, als würdest du nicht ganz verstehen, worum es geht, und als wärst du auch nicht wirklich interessiert. Wenn er merken würde, dass du dich verteidigen kannst, wäre er auf der Hut (oder würde eher ein Messer ziehen).
Instruktoren
Die bekanntesten Systema-Instruktoren sind Michail Rjabko in Russland und sein Nachfolger Vladimir Vasiliev in Toronto, Kanada. In Westeuropa wird ein Teil der Systema-Instruktoren durch die European Systema Association unter der Leitung von Andreas Weitzel (Augsburg, Deutschland) vertreten.
Viel Wissen wird derzeit noch durch die Teilnahme an Seminaren vermittelt, die auf der ganzen Welt stattfinden.





